Ranger Markus führt uns mitten hinein in den Zauber der ursprünglichen Natur
Wenn Ranger Markus Daume Gäste auf dem Urwaldsteig am Edersee führt, muss er oft erst einmal mit einem Vorurteil aufräumen: „Wir haben hier keine Schlangen und keine Lianen, die von den Bäumen hängen. Und Tarzan werden wir ganz bestimmt nicht treffen.“
Gemächlicher Start mit schönen See-Blicken

Ist das erst einmal geklärt, beginnt die Neugier zu wachsen. Urwald in Mitteldeutschland, was bedeutet das denn genau? Spätestens mit dieser Frage ist Markus dann voll in seinem Element, denn er ist so etwas wie das Urgestein des Urwaldsteigs: Der Wanderweg im Nationalpark Kellerwald-Edersee feiert in 2025 sein 20-jähriges Jubiläum - und ebenso lange ist der Ranger hier tätig.
Der Urwaldsteig führt in mehreren Etappen insgesamt 66 Kilometer weit um den Edersee herum. Wir sind mit Markus auf dem Streckenabschnitt zwischen Asel und Nieder-Werbe am Nordufer unterwegs. Vom Startpunkt geht es zunächst auf einem leicht zu bewältigenden Weg sanft bergan. Schon nach 500 Metern lässt uns der Seeblick von einem kleinen Aussichtspunkt auf der Spitze des Katzenberges das erste Mal innehalten.
Ein guter Moment, um zu entschleunigen, die Sinne zu wecken, voll und ganz im Naturerlebnis anzukommen. Und ein guter Moment für Markus, uns neugierig zu machen auf die Naturerfahrung, die uns jetzt erwartet: „Auf geht´s in den Urwald!“ Wir verlassen den breiten Weg, nehmen eine Abzweigung und tauchen auf schmalen Pfaden Schritt für Schritt in die Wildnis ein.
Auf Tuchfühlung mit den Ursprüngen des Waldes

Unser Wanderführer hat nicht zu viel versprochen: Knorrige Eichen bilden mit ihren Stämmen und Ästen die skurrilsten Formen. Einige ragen über den Weg, manche sind ausgehöhlt, sie erinnern an mystische Wesen aus einer anderen Zeit. Und aus einer anderen Zeit stammen sie ja tatsächlich: „Einige der Eichen sind bis zu 1.000 Jahre alt“, erklärt der Experte. „Und noch viel länger, nämlich seit der letzten Eiszeit, durfte dieser Wald ohne menschlichen Eingriff wachsen. Ein wahrer mitteleuropäischer Ur-Wald eben.“
Der Weg führt entlang steiler Hänge und so genannter Blockhalden — das sind natürliche Felsenmeere. Die Beschaffenheit des Geländes beschreibt Markus als Glücksfall für den Wald, denn „so konnte er nie gerodet oder wirtschaftlich genutzt werden.“

Wir wandern über den Lindenberggrat hinab zum Ufer, nur um gleich wieder an Höhe zu gewinnen. Kurz vor dem Campingplatz Fürstental geht es wieder hinunter — diesmal ist Konzentration und Trittsicherheit gefragt. Der Weg ist steil, windet sich in engen Kurven und kann bei Feuchtigkeit rutschig sein. Von hier führt Markus uns am Wasser entlang durch lichte Laubmischwälder.
Wir lassen das Seeufer hinter uns und steuern auf einen Höhepunkt der Wanderung zu: Die „Schöne Aussicht“ etwas oberhalb des Weges macht ihrem Namen alle Ehre: Der Blick schweift über die Baumkronen, über das Blau des Sees zum gegenüberliegenden Ufer. Durchatmen. Genießen. Einen Moment die Füße ausruhen und die Verbindung spüren zu dieser Naturlandschaft mit ihrer sagenhaften Geschichte.
Das Auf und Ab des Weges trägt uns weit weg vom Alltag

Der Weg ist dann teils schmal und steil, ein echtes kleines Abenteuer. Ein Urwald-Abenteuer, denn auch hier begleiten uns die bizarren Knorreichen, die von Kargheit und Hitze geformt und oft nicht größer als Obstbäumchen sind. „Deshalb kommt dieser Wald auch gut mit der Trockenheit der letzten Jahre zurecht, unter der viele andere Bäume stark gelitten haben“, erklärt Markus. Wer im Sommer unterwegs ist, legt an der Spitze der Halbinsel Scheid vielleicht noch eine Pause an der Badestelle ein — dann geht es gen Norden weiter zum Ziel unserer Etappe. Nieder-Werbe erreichen wir nach gut vier Stunden und 16 Kilometern. Angenehm erschöpft vom Auf und Ab der Wanderung, vor allem aber erfüllt von Eindrücken und neuem Wald-Wissen, das wir unserem kundigen Begleiter zu verdanken haben. „Für mich ist es das Schönste, wenn ich das Staunen in den Augen meiner Wandergäste sehe. Dann habe ich selbst immer wieder einen Wow-Moment und merke, wie außergewöhnlich diese Landschaft ist.“ Den Zauber dieser europaweit einmaligen Wälder einmal selbst zu erleben — das können wir jedem nur empfehlen.
